24.12.2010   Der Neue Tag (im überregionalen Kulturteil u.a. in Amberg, Weiden, Sulzbach-Rosenberg)

"Dieser verdammte Krieg müsste halt bald aus sein"

Günther Rambach: "Hakenkreuz und Martinskirche"

VON FRIEDRICH BRANDL

Amberg. "Dieser verdammte Krieg müsste halt bald aus sein". Dieser Satz aus einem Feldpostbrief vom 29. August 1943 des Wehrmachtssoldaten Josef R. von der russischen Front an seine Frau in der Heimat spiegelt die ganze Not wider, in der er sich befand. Wenige Wochen zuvor hatte seine Frau einen kleinen Sohn geboren. Ende Juli durfte er ihn während eines Fronturlaubs das erste Mal sehen, im Oktober 1943 bei einem Heimaturlaub das zweite und letzte Mal. Im Juni 1944 fiel Josef R. bei Mogilew. In einem seiner letzten Brief schrie er: "Wenn nur du und der Junge gesund seid und ihr von all diesen Schrecken des Krieges verschont bleibt."

Irrsinn erkannt

Josef R. sah diese Schrecken des Krieges, erkannte den Irrsinn: "Glaubst nicht, wie einem das Leben hier ankotzt (...) Das Denken darf man hier ja gar nicht anfangen."

Ehrlicher hätte man die Situation, in der sich er und Tausende andere befanden, nicht beschreiben können. Und er riskierte mit diesen ehrlichen Zeilen viel. Wäre der Brief von der Zensur entdeckt und gelesen worden, für Josef R. hätte das eine strenge Bestrafung nach sich gezogen.

In Günther Rambachs Buch "Hakenkreuz und Martinskirche" geht es um das Schicksal und das Leben des Josef R., um dessen Ehefrau und den kleinen Sohn, der ohne den Vater aufwuchs. Das Buch mit dem Untertitel "Schicksalsjahre in der Oberpfalz 1933 - 1959"  widmet sich den Lebensumständen des  jungen Josef R., der sich als 18-Jähriger aus Liebe zur Musik den Spielmannszügen der SA und der SS anschloss, und stolz darauf war in Uniform auftreten zu dürfen. Dieser Stolz legte sich aber, je länger er als Soldat der Wehrmacht dienen musste und aus den Schützengräben an der Ostfront heraus unzählige Briefe an seine Lieben in der Heimat schrieb.

Hunger der Nachkriegszeit

Das Buch endet aber nicht mit dem tragischen Tod des Josef R., auch nicht mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Mai 1945, sondern es erzählt und berichtet weiter: vom Leben der jungen Witwe mit dem kleinen Kind, von Entbehrungen und Hunger der Nachkriegszeit, von Entnazifizierungsmaßnahmen und Persilscheinen, von der Kindergarten- und Schulzeit des kleinen Günter, des Sohnes von Josef R. Jahrelange Recherchearbeit steckt in dem Buch, mehr als 500 Feldpostbriefe wertete der Autor aus.

Das Ergebnis ist beeindruckend. Es ist bei weitem kein trockenes Geschichtswerk, auch keine rührselige Familiensaga. Rambach geht in seinem Buch über das Schicksal des Josef R. hinaus. Er erzählt, gestützt durch Dokumente aus Archiven und aus Zeitungsausschnitten den Alltag in einer Kleinstadt im Nazi-Deutschland.

Dabei ist Amberg wohl durchaus austauschbar. Er berichtet von mutigen Geistlichen der Oberpfalz, die sich den Nationalsozialisten widersetzten, aber auch vom politischen Handeln des Oberbürgermeisters Filbig, der sowohl in der Nazizeit die Stadtgeschicke lenkte als auch nach 1952. 1959 endet das Buch mit einem kleinen Kapitel über den Umgang der Jugend mit der deutschen Vergangenheit.

Unbequemes Buch

Rambachs Buch ist ein notwendiges Buch, ein unbequemes, aber ein überaus wertvolles. Es hätte sicher der Stadt Amberg gut angestanden, wenn man zur 975-Jahrfeier gerade auch das Kapitel der braunen Vergangenheit der Stadt thematisiert hätte.

   Auf die Frage nach den Beweggründen zum Verfassen dieses Buches antwortete der Autor: "Für mich war es wichtig (...) eine "Geschichte von unten" zu schreiben (...). Jedem Leser sollte deutlich werden, welch ungeheuere Verbrechen Hitler auch seinem eigenen Volk und seinen Soldaten angetan hat."

Wichtiges Erinnern

Auf der letzten Seite schreibt er: "Heute ist es eine Schande, dass so viele vor diesen Verbrechen (...) die Augen verschließen und immer noch Hitler verehren. Umso notwendiger ist es, sich an diese dunkle Vergangenheit zu erinnern, nicht im Büßerhemd, zumindest nicht die jüngere Generation. Sich deshalb erinnern, dass so etwas nicht wieder geschieht. Wir müssen erinnern! Gegen das Vergessen!"

   Der Autor Günther Rambach geboren und aufgewachsen in Amberg, studierte Geschichte, Germanistik und Soziologie. Er unterrichtete 30 Jahre lang am Max-Reger-Gymnasium in Amberg die Fächer Deutsch, Geschichte und Sozialkunde, zuletzt als Studiendirektor und Fachbetreuer für Geschichte.

Das Buch "Hakenkreuz und Martinskirche - Schicksalsjahre in der Oberpfalz 1933-1959" ist im Buchhandel zum Preis von 19.80 Euro erhältlich

Titelseite des Buches
Erkennungsmarke eines Soldaten
Kremlmauer Moskau
Gedenktafel am Rathaus von Amberg
Volkstrauertag 2009
Reichsadler mit entferntem Hakenkreuz